MAZ vom 30.06.2010

GEDENKEN: Aus der Anonymität geholt

Vier neue Stolperstein-Orte in der Stadt / Enkel Deportierter aus USA und Israel angereist

POTSDAM / BABELSBERG -  Am Ende poliert Gunter Demnig sie immer noch mit einem Papiertaschentuch, seine Stolpersteine. Nach der nicht eben filigranen Pflasterarbeit, der alles Zeremonielle abgeht, verleiht das Saubertupfen der Erinnerungssteine dem nüchternen Vorgang doch noch etwas Feierliches.

Der Kölner Künstler Demnig verlegt seine Stolpersteine, die an deportierte jüdische Mitbewohner vor deren ehemaligen Häusern erinnern, bundesweit. In Potsdam war er schon 13 Mal tätig, gestern Mittag nun folgten die Stationen 14 bis 18. Schüler der Voltaire-, der Goethe- und der Waldorfschule hatten im Unterricht und in der Freizeit die Schicksale der Familien recherchiert, an die die jüngsten Stolpersteine erinnern. In den Asphalt eingelassen, fallen die blanken Messingoberflächen der Steine den Passanten auf, sie halten inne, senken den Kopf, lesen, wer hier gelebt hat und was mit ihm geschah.

In der Karl-Marx-Straße 8 etwa sind es Emil und Pauline Kauf mit ihrer Tochter Clara, auf deren Schicksal Spaziergänger nun stoßen. Vater Kauf hatte eine Konfektionsfirma für Damenmäntel in Berlin und brachte es zu einigem Reichtum, so dass es für eine schöne Villa in Neubabelsberg reichte. Tochter Clara war von Geburt an gelähmt und saß im Rollstuhl. Die Nationalsozialisten zwangen Emil Kauf zunächst zur Auflösung seiner Firma, später auch zum Verkauf des Hauses. Bis 1943 war die Familie im „Alters- und Siechenheim“ Babelsberg untergebracht, am 13. Januar brachte sie der letzte Transport Potsdamer Juden nach Theresienstadt, wo alle drei in kurzer Zeit starben.

Seltsam, wie in einem Traum fühle sie sich, sagte Betty Shlomi im Körnerweg 4. Sie ist eine Enkelin von Albert und Betty Rosenbaum, die dort bis 1942 lebten. Albert Rosenbaum war Schauspieler, an mehreren Berliner Theatern beteiligt und lernte in Potsdams „Walhalla“ seine spätere Frau Betty kennen, die im Synagogenchor sang. 1942 mussten sie ihr zwangsverkauftes Haus räumen und wurden kurz darauf ins Warschauer Ghetto deportiert. Albert nahm sich dort das Leben, Betty wurde später für tot erklärt. Beide Söhne emigrierten rechtzeitig, in die USA und nach England. So kam es, dass Betty Shlomi und ihr Bruder David Rosenbaum, beide Ende 50, gestern an der Stolpersteinverlegung teilnehmen konnten. Sie wurden nicht müde, vor allem die Leistung der Schüler zu thematisieren, die sie mithilfe des Holocausts-Museums in Jerusalem und des Internets aufspürten. Die Reise nach Deutschland hatte Betty Shlomi seit längerem geplant, ihr Bruder David ist als Psychologieprofessor wegen einer Konferenz in Bielefeld ohnehin in Deutschland.

Es erfülle ihn mit tiefer Dankbarkeit, dass er dies erleben dürfe, sagte David Rosenbaum in einer spontanen Ansprache. Dass er und seine Schwester überhaupt geboren seien, sei wie ein Wunder, dass die Schüler sie aufgefunden hätten, ein zweites, und dass sie nun an diesem Tag bei der Steinverlegung dabei seien, ein drittes. „Sie dürfen mir das glauben, mit Wahrscheinlichkeitstheorie kenne ich mich aus“, scherzte der Wissenschaftler.

Die Schüler der drei Schulen freuten sich über soviel Lob nach monatelanger Arbeit in Archiven und Recherche im Internet. Sozialbeigeordnete Elona Müller lobte sie dafür, „sich auseinandergesetzt und es ausgehalten zu haben“. Nicht zu verdrängen, Geschichte aus der Anonymität zu holen, sei der einzige Weg, mit diesem schwierigen Erbe Deutschlands umzugehen. (Von Jan Bosschaart)